Hey, Wuppertal: Was wäre, wenn?

Hey, Wuppertal: Was wäre, wenn?

Hey, Wuppertal: Was wäre, wenn?

Von Sophie Blasberg

Eine partnerschaftlich organisierte Nachbarschaft ohne Autos, hocheffiziente Energielösungen oder doch ein Aussteigerdorf auf Kastanienbäumen? In Utopiastadt beschäftigten sich kreative Wuppertaler mit drei Zukunftsszenarien für ihre Heimatstadt.

„Jetzt mal doch die Schwebebahnstation einfach dahin.“ Nach einigen Minuten angestrengter Diskussion spricht Workshop-Teilnehmerin Gaby Schulten ein Machtwort – mit Erfolg. Auf dem großen weißen Papier mit den wenigen gedruckten schwarzen Linien entsteht der erste rote Strich. Es soll nicht der letzte sein an diesem Abend. Innerhalb von nur einer halben Stunde kritzeln, malen und schreiben die Teilnehmer drei Quartierspläne der Mirke voll mit Zukunftsvisionen und ihren Folgen.

„Spekulationen Transformationen“ heißt das Buch, auf dessen Basis diese konstruktive „Spinnerei“ stattfindet. Spekulationen – mehr sind die drei Szenarien „Wattland“, „Netzland“ und „Integralland“ für die Struktur deutscher Städte im Jahr 2050 tatsächlich nicht. Aber was bringen sie dann? „Die Trendforscher sagen, wie sich Dinge entwickeln“, sagt Stefan Carsten, Mit-Entwickler des Buchs zu Beginn seines Vortrags, der die Veranstaltung im Mirker Bahnhof einleitet. „Damit liegen sie aber eigentlich immer falsch. Uns geht es daher weniger um Prognosen, sondern um das, was passiert, wenn man Menschen damit konfrontiert.“

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Stefan Carsten vor einer gestalteten Quartierskarte (li, Foto: Thomas Weyland) und ein Blick in das Buch „Spekulationen Transformationen“ (re).

In Wattland tobt der Kampf um Energie, Watt hat den Euro als Währung abgelöst und die Schere zwischen jenen, die Energie besitzen und den „Energiearmen“ klafft weit auseinander. In Netzland konzentriert sich das Leben auf riesige hoch entwickelte Metropolen und ihre Verbindungen, alles dreht sich um die Versorgung mit Rohstoffen. In Integralland hingegen haben sich die Menschen für eine starke Gemeinschaft als Lösung für die Ressourcenknappheit entschieden. Gut organisierte und sozial aufgestellte Nachbarschaften organisieren und versorgen sich weitgehend selbst, partizipative Konzepte sichern den gesellschaftlichen Frieden.

„Spannend daran ist vor allem, dass es natürlich für alle drei Szenarien schon heute Faktoren gibt, schwache Signale, die für das eine oder andere Szenario sprechen“, sagt Stefan Carsten. „Und die lassen sich auch heute schon beeinflussen.“ Dementsprechend engagiert wird an den drei Szenario-Tischen diskutiert. „Utopiastadt wird natürlich das Zentrum dieser nachbarschaftlichen Organisation, das zeichnet sich ja schon ab“, heißt es am Integralland-Tisch. „Wir sind abgekoppelt von den großen Zentren, hier ist Peripherie“, sehen die „Netzländer“ ein. Und der Wattland-Tisch organisiert kurzerhand den lokalen Widerstand gegen die Watt-Diktatur auf dem Utopiastadt-Campus. „2030 fällt hier der entscheidende Groschen für die Nutzung von Photosynthese zur Energiegewinnung“, sind sich die Visionäre sicher. „Dann legen wir einen illegalen Energie- und Wohnwald an und bauen ein Hippiedorf.“

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Arbeit am Szenario-Tisch zu „Netzland“. Foto: Thomas Weyland

Es geht um die ganz große Frage: „Wie wollen wir leben?“ Die Szenarien brechen diese Fragen sehr konkret herunter und legen Rahmenparameter fest, um die Kreativität anzuregen. Bei der abschließenden Präsentation der drei Gruppen im Mirker Bahnhof wird schnell klar, wie viel das bereits mit der Gegenwart zu tun hat. Das leistet die Anlage der Szenarien: Sie sind eben doch nicht rein spekulativ, sondern führen die Entwicklungen und Einstellungen der Gegenwart in unterschiedlichen Ausprägungen weiter. In gewisser Weise wird die Zukunft an diesem Abend in Utopiastadt zum Spiegel – mit einem Angebot: Noch haben wir die Wahl, welches Bild wir darin einmal sehen möchten.

Wer mehr über das Projekt und das Buch Spekulationen Transformationen erfahren möchte, ist hier richtig.

Wer schon heute die Weichen stellen will, um das Mirker Szenario „Realität“ für 2050 mitzuprägen, ist im Forum:Mirke herzlich willkommen. Hier werden Stärken, Schwächen und Herausforderungen des Viertels diskutiert und die nächsten Schritte unternommen. Denn 2050 kommt bestimmt.

Die nächsten Termine des Forum:Mirke sind der 11.8., 10.10. und 13.12.2016. Die Orte wechseln, bei Interesse deshalb bitte melden bei Inge Grau, einer der Organisatoren.

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