Reallabore als Scharnier zwischen Wissenschaft und Praxis?

Reallabore als Scharnier zwischen Wissenschaft und Praxis?

Im Forschungsprojekt „Wohlstands-Transformation Wuppertal“ (WTW) begleite ich das Reallabor Oberbarmen und Wichlinghausen. Doch was macht mich als Wissenschaftlerin in einem sogenannten „Quartiers-Reallabor“ aus? Was unterscheidet mich von ehrenamtlichen oder hauptamtlichen Akteuren, die sich aktiv in städtische Wandlungsprozesse einbringen? Welche Herausforderungen treten auf? Wie bereichern wir die Arbeit der Akteure außerhalb des Wissenschaftssystems? Diese Fragen sind nicht selten Thema, so beispielsweise bei den anregenden Austausch auf unseren monatlich stattfindenden Stammtischen. Auch die Kaffee- und Flurgespräche im TransZent und die vielen Gedanken, die mir als eine der Reallabor-Wissenschaftler*innen auf dem Weg nach Hause durch den Kopf gehen, drehen sich nicht selten um die Frage zu meiner Rolle im Reallabor.

Was sind Reallabore?

Das kürzlich veröffentlichte WBGU-Gutachten „Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte“ führt an, dass in Reallaboren „durch Ausprobieren und Experimentieren gemeinsam Wissen und Problemlösungen für die urbane Transformation“ (WBGU 2016: 31) erarbeitet werden. Gemeinsame Lernprozesse heißt auch: Die hier gemachten Erfahrungen sind nicht nur praxisrelevant, sondern sollen zugleich einen Beitrag für disziplinäre Wissenschaftsdiskurse leisten. Neben der Begleitung und ggf. Initiierung transdisziplinärer Prozesse erfordert dies von uns Reallabor-Wissenschaftler*innen, zugleich mit den Ergebnissen unserer Forschung an die Diskurse in der jeweiligen Disziplin Anschluss zu finden.

Was passiert in dem Reallabor Wichlinghausen und Oberbarmen?

In den letzten Jahren haben sich in den Quartieren Oberbarmen und Wichlinghausen einige Akteure mit Leerstand beschäftigt und verschiedene Anstrengungen zur Reduzierung leerstehender Objekte unternommen. Dennoch stehen weiterhin viele Wohnungen, Häuser und Ladenlokale leer. Zu Beginn des WTW-Forschungsprojektes war klar: gefragt ist eine konkrete Projektidee, die gemeinsam mit lokalen Akteuren und Bewohner*innen weiter ausgestaltet wird. Schnell entstand in Gesprächen mit dem Praxispartner für das Reallabor Wichlinghausen und Oberbarmen, dem Büro für Quartierentwicklung, die gemeinsame Idee zum Haushüten-Projekt. Mit Start des Projektes gab es viele Gespräche, einige Präsentationen der Projektidee bei verschiedenen Veranstaltungen und zwei öffentliche Workshops. Besonders wertvoll ist dabei die Zusammenarbeit mit dem Büro für Quartierentwicklung, welches sich mit langjährigen Erfahrungen in das Projekt einbringt. Zuletzt – und davon lebt das Projekt – hat sich ein Gremium an aktiven Personen zusammengefunden, die mit ihren Wissen, ihrer Kompetenz und ihrer Energie Haushüten weiter voranbringen.

Welche Herausforderungen und Bereicherungen entstehen in einem Reallabor?

Als Reallabor-Wissenschaftlerin nehme ich im Haushüten-Projekt eine initiierende, moderierende und strukturierende Aufgabe ein. Durch meine aktive Rolle habe ich die Chance, Einblicke in die Quartiere zu erhalten. Diese Perspektive ermöglicht uns Wissenschaftler*innen, das jeweilige Projekt mit sinnvollen Beiträgen zu bereichern und zugleich aus einem distanzierten Blick das Geschehen wissenschaftlich zu reflektieren. Allerdings gibt es auch ein Bündel an Herausforderungen und Irritationen. Dazu zählen beispielsweise eine fehlende finanzielle Ausstattung von Akteure jenseits des Wissenschaftssystems oder die Fokussierung der Forschung auf ein spezifisches Problem. Beispielhaft möchte ich auf drei Punkte genauer eingehen:

  1. Schaffung von (finanziellen) Kapazitäten nur auf Seiten der Wissenschaft: Leider ist es in den Strukturen der Forschungsförderung schwierig, auch Akteure jenseits des Wissenschaftssystems zu fördern. Umso wichtiger ist es, an etablierte Strukturen, die im Quartier gewachsen sind, anzuknüpfen.
  2. Fokus der Wissenschaft auf einen sehr kleinen Teil der Quartiers-Realität: Eine fokussiert formulierte Forschungsfrage ist für gründliche, wissenschaftliche Ergebnisse essentiell. Eine für die Seite der Praxis ggf. durchaus sinnvolle Übersicht zu Problematiken und potentiellen Lösungsvorschlägen der Quartiere muss daher zugunsten eines sorgfältig erarbeiteten wissenschaftlichen Ergebnisses weichen, wovon dann auch die lokalen Akteure beispielsweise durch vertiefte Kenntnisse profitieren.
  3. Ziele bzw. Interessen der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sind nicht immer klar verständlich: Mit der Haltung einer Offenheit gegenüber den bestehenden lokalen Kontexten geht auch einher, dass der Fokus auf das zu begleitende Projekt zu Beginn nicht feststehen kann. Diese Offenheit kann auch zu Irritationen bei lokalen Akteuren führen, da dies beispielsweise den Logiken vieler Quartiersprojekte widerspricht. Zudem müssen wir uns nicht innerhalb der Quartiere profilieren, wir müssen keine monetären Gewinne erwirtschaften, wodurch wir außerhalb eines Konkurrenzdenkens sind und unterschiedliche Akteure mit einbeziehen können.

Fazit

Unser Ziel als Reallabor-Wissenschaftler*innen ist es, bestehende Themen der städtischen Veränderungsprozesse aufzugreifen, um die so wichtigen Wandlungsprozesse positiv zu unterstützen. Manchmal machen wir Reallabor-Wissenschaftler*innen den lokalen Akteuren zusätzliche Arbeit, aber an anderer Stelle unterstützen wir ihre Arbeit sowohl ganz konkret als auch mit einem kritischen Blick und der Einordnung ins „große Ganze“. Zusätzlich tragen wir die Erfahrungen der lokalen Akteure in die jeweiligen – manchmal realitätsfernen – Wissenschaftsdiskurse. Das ist unser Spagat, den es täglich zu bewältigen gilt.

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